Bei Julios
Abends ging man zu Julios. Man hätte auch zu Jorgi gehen können, aber der war ungefähr 15 km entfernt auf der anderen Seite der Insel. Also ging man zu Julios, der im Zyklus der Tageszeiten nacheinander ein Kafeneon, ein Restaurant, wieder ein Kafeneon, dann wieder ein Restaurant, aber immer eine Kneipe war. Das lag daran, daß auf dieser Insel die meisten zivilisatorischen Einrichtungen im Singular vorhanden waren, also insgesamt völlig ausreichend. Es gab den Bürgermeister, den Popen, den Polizisten, Julios, die Bank, das Hotel, die Post, die Kneipe, das Kafeneon, das Restaurant, das Kloster und das Auto. Der Bürgermeister war das Hotel, die Post und die Bank, der Polizist war das Auto - praktischerweise ein Taxi -, Julios war die Gastronomie, der Pope war das Kloster, das aber ebenfalls wie Jorgi auf der anderen Seite lag, und Jorgi konnte nicht gut kochen. So war alles recht übersichtlich und praktisch geregelt auf dieser kleinen Insel.
Die Insel hatte ungefähr 1200 Bewohner, verteilt auf drei kleine Dörfer. Im Sommer wuchs die Bevölkerung für ein paar Monate auf das Doppelte, und die Zahl der Touristen stieg auf drei bis vier. Und das kam so: die Inselbewohner waren einst große Schiffsleute vor dem Herrn gewesen, hatten die sieben Weltmeere befahren und Schiffe gebaut, aus dem Holz der Inselwälder. Daher wurde die Insel im Laufe der Jahrhunderte immer kahler und trockener, und die meisten wanderten aus, nach Amerika, Australien, nach Griechenland, irgendwohin. Im Sommer aber kamen sie zurück: Familien, Kinder, Enkel, um Omas und Opas auf der kleinen Insel zu besuchen, zum Fischen, zum Segeln, zum Schwimmen, zum Essen und Trinken und um Hasen und Tintenfische zu jagen.
Julios war Schiffskoch gewesen und konnte wunderbare Keftedes mit Reisnudeln kochen. Da sein Restaurant das einzige auf dieser Seite der Insel war, war es stets gut besucht: morgens gab es braunen griechischen Kaffee mit Zwieback, nachmittags konnte man auf der kleinen Terrasse an der Hafeneinfahrt unter den beiden Palmen sitzen, braunen griechischen Kaffee mit klebrigen Küchlein verzehren und die Boote und die braunen Beine der Mädchen betrachten. Abends - oder wann immer jemand Hunger anmeldete - gab es Keftedes mit Reisnudeln, immer. Julios war Schiffskoch gewesen, und so formte er die Fleischbällchen mal rund, mal länglich, mal oval, mischte dieses Kraut darunter oder jenes, reichte Nudeln dazu oder Reis oder Reisnudeln oder Kartoffeln und nannte sie mal so, mal so. Faktisch war es stets das gleiche, aber wen interessierten hier Fakten? Niemand klagte, denn es war Sommer und es waren Ferien.
Abends, wenn es etwas kühler wurde, zog man sich in das Innere von Julios zurück. Es gab ein paar kleine wackelige türkisfarbene Tischchen, eine Menge kleiner wackeliger blauer Stühle, eine riesige Kühltruhe und einen alten Schwarzweiss-Fernseher auf einem Bord an der Wand. Julios und seine wunderschöne Tochter servierten Keftedes mit Reisnudeln und Harzwein, man trank und aß, rauchte, spielte Karten und Tavlis, und redete, redete und redete. Der Schwarzweiss-Fernseher thronte oben auf seinem Wandbrett und flimmerte und murmelte leise vor sich hin. Der Fernseher war allgemein geduldet als stets anwesender, unvermeidlicher, schmückender Zierrat, aber man beachtete ihn kaum, jedenfalls mit deutlich weniger Interesse als tagsüber die Boote oder die braunen Beine der Mädchen.
Auch an diesem Abend war es so, und doch sollte alles ganz anders werden. Sie waren fast alle da: der Polizist, schon etwas betrunken mit nach hinten geschobener Dienstmütze, der junge, aber bärtige Pope beim Tavlis-Spiel, die Heimkehrer aus Australien, die Inselleute. Es war laut und fröhlich, und durch die weit geöffneten Türen strich die kühle Nachtbrise.
Da plötzlich geschah es: der Fernseher verstummte, das Bild verblich. Und sowenig sich vorher irgendjemand um das Ding auf seinem Bord gekümmert hatte, so augenblicklich erlosch jede Art der Geselligkeit und Unterhaltung. Der tote Fernseher wurde zum ersten Mal zum absoluten Mittelpunkt des Interesses. Julios erstarrte mit vier Schüsseln Keftedes mit Reisnudeln auf den Armen, die Würfel klackerten unbeachtet über die Tavlis-Bretter, die Gäste blickten mit halberhobener Gabel fassungslos auf das tote Gerät. Nur der Polizist kicherte.
Es war, als hätte der Diesel eines der alten Kaikis plötzlich auf hoher See seinen Geist aufgegeben: störend, alarmierend und etwas beängstigend. Es war etwas passiert. Es war, als wäre ein dünner Verbindungsdraht von der Insel zur Welt abgerissen, verschmort, jedenfalls weg. Die Inselbewohner waren praktische, moderne Leute mit Welt- und Lebenserfahrung, und trotzdem: das war definitv nicht gut. Auch wenn man ihn nie beachtete: der Fernseher war ein elektrisches Gerät, und schon deshalb wichtig, und außerdem gehörte er hier hin, verwaschene graue Bilder zeigend und leise murmelnd, und nicht stumm und tot.
Nach der Schrecksekunde begannen alle gleichzeitig wieder zu reden: was zu tun sei, wen man holen solle, wie das geschehen konnte, wer den Apperat wieder in Gang setzen könne, wer an diesem Unglück schuld sei. Julio wurde vorgeworfen, seine räuberischen Gewinne in massiven Goldschmuck für seine kleine dicke Frau umzusetzen, statt für ein zeitgemäßes Ambiente und die notwendige Unterhaltung seiner Gäste zu sorgen, die ihr auf den kargen Äckern und in stürmischer See mühsam verdientes Geld nur notgedrungen ihm in den Rachen warfen - ihm, der nicht einmal einen ordentlichen Fernseher hatte!
Doch da, inmitten des Aufruhrs, bahnte sich bereits die erlösende Wende des Dramas an: der Pope stand auf, schwang seinen langen schwarzen Bart über die Schulter, nahm einen der wackeligen kleinen Stühle, stieg auf den türkisfarbenen Tisch vor dem Fernseher, hob den Stuhl nunmehr zu sich auf den Tisch und stieg persönlich dort hinauf. Das Publikum murmelte. So Auge in Auge mit dem verstorbenen Gerät, holte der Pope weit aus und schlug mit der Faust gegen das Gehäuse. Und siehe: der Fernseher begann sofort wieder zu murmeln und verwaschene graue Bilder zu zeigen! Der Pope raffte seinen Rock, kletterte von Stuhl und Tisch herunter, nickte in die Runde und schritt würdevoll zu seinem Tavlisspiel zurück.
Beifall brandete auf, Begeisterung, Lachen und Hochrufe klangen durch die Nacht. Man schlug dem Popen auf die Schulter und spendierte Harzwein und Bier, man bekreuzigte sich und war entzückt und rief Glückwünsche zum Popen hinüber, der sich nun wieder seinen Würfeln widmete. Julios setzte sich aufseufzend in Bewegung, und ein breites, lückenhaftes Grinsen lag auf seinem Gesicht, als er die Schüsseln Keftedes mit Reisnudeln vor uns hinstellte: Es sein nun mal die Aufgabe des Popen, für den guten Kontakt zum Himmel zu sorgen. Ein letzter argwöhnischer Blick auf den treulosen Fernseher, der nun wie eh und je völlig unbeachtet seine Dienste verrichtete, und Julios schob sich wieder hinter seine gasflaschenbetriebenen Zwillingskocher. Und die warme Nacht auf der kleinen Insel wurde immer tiefer, wie so viele vor ihr.
---
.majo, 13. Februar 2005, 17:34
am 16. Februar, 17:03 kommentierte
jochenausberlin:
that's entertainment