Mit der Orientierung hapert's nach wie vor. Heftig. Wie in allen anderen Städten auch. Das liegt nicht an den Städten, sondern an mir.
Einen Lieblingsort zu finden war dagegen nicht schwer.
Das EHRENBURG ist ein Café, eine Bar - je nach Tageszeit - in der man trefflich versacken kann. Keiner dieser überkandidelten In-places mit ensprechender Klientel. Vielmehr ein Ort, der nichts zu wollen scheint, aber viel kann. Das Interiereur ist sachlich-schlicht, die Beleuchtung warm und freundlich. Über die Boxen schickt man hier vor allem Loungemusik oder feinen kleinen Soul oder Blues. Die freundliche, schnelle Bedienung fällt einem nicht alle Viertelstunde auf die Nerven, bleibt vielmehr hinter der Bar und läßt angelegentlich die Blicke schweifen. So entgeht ihr nicht, wenn man doch noch etwas möchte. Die Atmosphäre ist entspannt und entspannend, auch mokiert sich hier niemand, wenn man sich gedankenverloren zwei Stunden an seinem Kaffee festhält. Leben und Leben lassen.
Latte Macchiato im großen Glas kostet 3€ und ist jeden Cent davon wert, auf dem Milchschaum ließen sich Paläste errichten. Die Karte bietet außerdem diverse Cocktails und Kleinigkeiten zum Unterlegen (Tramezzini 4,50€, Sandwiches 3,50€, Wiener Würstchen 2,50€, Kuchen 2€). Die Weinauswahl ist klein, aber wohlüberlegt, ebenso die Teeauswahl.
WLan gibt es keines, trotzdem werden manchmal Laptops gesichtet - Gerüchten zufolge soll man mit den Dingern ja auch arbeiten können. Steckdosen gibt es zwar wenige, an deren Nutzung stört sich aber auch niemand.
Im EHRENBURG kann man in Ruhe lesen, schreiben, den Gedanken nachhängen, den Tag verrauschen lassen.
Karl-Marx-Allee 103
10243 Berlin (Friedrichshain/Kreuzberg)
U5 Weberwiese
10-1 Uhr

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kathleen, 14. Dezember 2005, 21:19
Wer in Berlin-Friedenau umher stolpert und plötzlich Lust auf einen guten Kaffee bekommt, der hatte bisher ein handfestes Problem, weil es schlicht und einfach kein erträgliches Café gab. Gut, es gibt das „Tomasa Friedenau“, welches als legendäres Frühstückscafé gilt, weil man dort quasi rund um die Uhr Frühstück bekommt, doch ist dieses trotz vollmundiger Ankündigungen der Speisekarte qualitativ mehr als minderwertig und barock überladen, auch ist der Geräuschpegel im Restaurant unerträglich hoch. Der servierte Heimbs-Kaffee schmeckt zwar nicht mal übel, verursacht jedoch Sekunden nach der Einnahme üble und nachhaltige Diarrhöen. Das Café Melanie ist gleichfalls indiskutabel, der Kaffee dünn und viel zu heiß, die Coffee Bar Amarillo wiederum hat den Charme einer U-Bahn-Station Ende der Siebziger Jahre. Mitte 2004 wurde die Lücke geschlossen. Vasco Schüssler hat möglicherweise das kleinste Café Berlins eröffnet, die Café Bar 55. Es gibt 8 Sitz- und 8 Stehplätze. Die Auswahl an Zeitungen und Zeitschriften ist groß. Der Kaffee schmeckt hervorragend. Die Espressomaschine arbeitet auf dem optimalen Arbeitspunkt. Schüssler begrüßt jeden Gast wie einen langjährigen Freund und bereitet auf Wunsch schnell und effizient kleine wohlschmeckende Speisen zu. Wann immer man das Café betritt, es sitzt ein eiserner, kleiner Trupp freundlicher Menschen dort beisammen, man kann eine Runde Scrabble spielen oder in Ruhe die Titanic lesen. Die gereichte Musik entspricht glücklicherweise nicht dem üblicherweise in Coffee Bars gereichten lateinamerikanischen „corazon“-lastigen oder gar nervig-elektronisch-chilligen Sound, statt dessen gibt es entweder Radio Eins oder erträgliches aus Vasco Schüsslers CD-Sammlung. Wer die Café Bar 55 betritt, kommt zur Ruhe. Man sollte dem Betreiber dieses Kleinods dafür ganz unbedingt danken.
Café Bar 55
Rheinstr. 55
12159 Berlin
(030) 85967040
Mo-Fr 08:30-20 Uhr
Sa 09-18 Uhr