[Berlin: Sights]

dinea

sie möchte ein stück kuchen und ein kännchen kaffee. sie ist anspruchsvoll, deine oma. sie will keinen kaffee mit komplizierten, ausländischen namen, einfach nur filterkaffe, frisch gefiltert, mit kondensmilch. du steigst in den aufzug und fährst mit ihr in den vierten stock im kaufhof.

dieser laden ist uncool zum umfallen. absolut trendfrei. hundertprozentig unstylisch — und das konsequent. aber deiner oma gefällt er und es gibt ihn in jeder stadt, ganz oben im kaufhof: es ist also egal, wo du dich mit deiner oma triffst, bei dir oder bei ihr in der stadt. „dinea“ heissen die restaurants im kaufhof, obwohl man dort auch morgens essen und trinken kann.

dineas sind voller silberner köpfe, durchschnittsalter 62, sie ist in ihrem biotop. die küche ist oldfashioned; wiener schnitzel, jägerschnitzel, zigeunerschnitzel, schweinebraten, sehr fetthaltig alles. einziges eingeständnis an den zeitgeist und die aterienverkalkung ist die salat- und gemüsebar, die kalt- oder warmgehaltenen speisen zum abwiegen, natürlich ohne kontrollwaage, damit es an der kasse kleine senioren-überraschungen gibt. die bedienungen hinter den theken entsprechen knapp dem durchschnitsalter der gäste, gekleidet sind sie wie in einer besseren mensa oder einer krankenhaus-kantine: im sommer mit ärmlelosem weissem kittel mit nix drunter.

das dinea am alexanderplatz hat den reiz eines wiener kaffeehauses, das mit plastik und lackiertem holz in vorgeblichen trendfarben kaputtrenoviert wurde. man erkennt den vergeblichen versuch die reste der DDR-einrichtung zu kaschieren und ein jüngeres publikum anzusprechen. statt wie „früher“ in düsterer, rustikal-eichiger umgebung, sitzen du und deine oma jetzt in düsterer pseudomoderner, türkis-eschiger umgebung. aber es gibt auch handfeste reize: wie die meisten dineas sitzt auch der dinea am alexanderplatz fast ganz oben auf dem kaufhof („galeria kaufhof“ — what a name!) und man hat hier an einigen tischen einen erfreulichen blick durch die wabenfassade auf ostberlin. die waben werden bald vom büro kleihues durch eine stein/glas fassade ersetzt, der kaufhof folgt also weiterhin der bewährten linie des konsequent kaputtrenovierens.

du sitzt dort oben mit ihr, ihr lauscht gesprächen über krankheiten und krankenhäuser, harz und riester und bei schweinebraten mit gestampften kartoffeln und 6-stündig gegartem sauerkraut kannst du einen vorgeschmack aufs rentendasein kosten. das geht auch ohne deine oma, das wird mit ziemlicher wahrscheinlichkeit auch dann noch gehen, wenn du selbst 62 bist. ganz sicher. auch was auf das man sich freuen kann.
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dipl.ix, 8. September 2004, 22:16
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[Berlin: Sights]

king kameamea garden

sand, könnte man meinen, ist ein vierter aggregatzustand. nicht fest, nicht flüssig, gleichzeitig hart und weich, sauber und schmutzig. sand ist voller paradoxien. wir hassen sand, weil er manchmal wenn es eng wird knirscht, aber wir lieben ihn, weil wir mit sand kindheit und urlaub assoziieren.

vor ein paar jahren kamen auch die ersten grossstadt-gastronomen auf die idee die positiven assoziiationen von sand zur steigerung des getränke-absatzes zu nutzen und sandkästen für erwachsene zu bauen. der erste mir bekannte ist die strandbar-mitte. die idee wurde in den letzten drei jahren grossflächig kopiert und ausgeweitet; bundespressestrand, oststrand — mittlerweile gibt es in berlin an die 10 strandbars.

als geheimtipp galt bis vor kurzem auch der king kameamea garden zwischen der spree und der köpeniker strasse. „hier ist berlin noch im arsch“ denkt man wenn man dort hinkommt. eingerahmt von leichtindustrie-ruinen und gebrauchtwagenhändlern, dem deutschen architektur zentrum und zweitklassigen gewerbebauten auf der einen seite, s- und fernbahngleisen auf der anderen seite der spree, liegt der kameamea garden auf einer brachfläche die dem bewuchs nach zu urteilen schon sehr lange brach liegt. auf dem staubigen weg von der köpeniker strasse zum king kameamea garden, riecht es zuerst stark nach gebrauchtwagen, dann nach urin, dann nach pferd. der pferdegeruch kommt von den zirkuspferden eines zirkus, der sich sein sommer- und winterlager unter einer der ruinen eingerichtet hat.

es gibt den obligatorischen aufgeschütteten sandstrand, es gibt „waldflächen“, eine beton-aussichtplattform mit liegestühlen, eine grillbude deren bedienung minutenlang die grillspezialitäten erklärt und wenn man unbedingt will auch verkauft und eine bar in der man teilweise noch barfuss und mit rasta-locken bedient wird. die musik ist grauselig, die lautsprecher verzerren, aber glücklicherweise muss man die nur an der etwas abseits liegenden bar aushalten. am wasser herscht ruhe, ruhe zumindest vor der musik.

das publikum ist wild gemischt: pseudo-kreative, die sich mit laptoptasche an den strand setzen (ich), ex-DINKs mit ihren kindern, alternde 68er, nachwuchs-68er, mitte-characters. ausserdem, wie diesen sommer überall, sehr viele wespen.

ein kleines paradies, ein ex-gehimtipp.

king kameamea garden
hinter dem deutschen architektur zentrum (daz)
köpenicker str. 48/49
10179 berlin
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dipl.ix, 21. August 2004, 16:26
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