[Frankreich: Sights]

Die Schlucht von Verdon

Vorher trinkt man noch einen doppelten Espresso in Moustiers-Ste-Marie, am westlichen Eingang der Schlucht. Ein paar Witze gegen die Aufregung, noch zwei Flaschen Mineralwasser kaufen. Die Aufregung kommt von den Beschreibungen, die man gelesen hat: Personen mit Höhenangst sollten sich die Schlucht von Verdon besser nicht zumuten. Bis zu 700 Meter hat sich der Verdon in die Felsen eingegraben, und manchmal, aber das wird man erst nach der Durchquerung wissen, war es kein Eingraben, sondern ein Schneiden. Als hätte jemand eine Säge an der Erde ausprobiert.



Man kann die Schlucht von Verdon, etwa 20 Kilometer lang, zu Fuß oder auf Wildwasserbooten durchqueren, wozu man eine gute körperliche Kondition, Schwindelfreiheit, die richtige Ausrüstung mitbringen muss, Helmlampen beispielsweise, weil es an manchen Stellen, wo die Durchlässe ganz besonders eng sind, stockdunkel werden kann. Man kann die Gorges du Verdon aber auch von oben in Angriff nehmen und enge, dauernd sich krümmende Bergstraßen entlang mit dem Auto fahren. An ein paar Kurven ist genug Platz, den Wagen abzustellen und hinunterzuschauen auf den Fluss, der sich, man kann es fast fühlen, immer noch immer tiefer in die Erde hineinsägt, quer durch. Es ist windig da oben, und beim Hinunterschauen in die Abgründe fängt man zu taumeln an. So viel Sog. So viel unwillkürliche Lust, hinabzuspringen, man kann sich kaum wehren dagegen, besser einen Schritt zurücktreten, man weiß ja nicht, was geschähe, wenn ein Windstoß in den Rücken führe. Oben im Himmel ziehen Mirages Kondensstreifen hinter sich her, hier in der kargen Einöde trainiert das Militär ihre Piloten. Wieder im Auto, zittert man immer noch ein wenig, wenigstens glaubt man es, wie immer, wenn Natur wilder und größer ist als man selbst, das Erhabene eben.



Am Lac de Ste-Croix, einem unerwartet riesigen Stausee, der vor Jahrzehnten Bergbewohner zu Küstenanrainern gemacht hat, gibt es ein kleines Hotel, die Auberge du Lac, zwei Sterne, günstig, nicht weiter aufregend, ausgiebige gutbürgerliche Nachtmahl-Menüs, guter Wein, viele Wochendausflügler, en famille, französische Provinz, man mag das sehr und findet es auch ein wenig beängstigend, falls man viele französische Spielfilme gesehen hat, ahnt man andere Abgründe und Schluchten.

In der Erinnerung, zwei Jahre danach, taumelt es noch immer ein wenig: wie jäh die Erde sich auftun kann, wie schnell sie dich zu verschlingen imstande wäre.



Gorges du Verdon
Provence an der Grenze zwischen dem Departement Var und den Alpes-de-Haute-Provence
Website (englisch): Grand Canyon du Verdon
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praschl, 19. August 2004 00:23:06 MESZ
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