Da liegt sie, faul, rund und zufrieden. Das Bett ist warm, die Daunendecke weich, die Luft draussen eher kalt, aber das stört sie nicht, solange andere in der Küche das Frühstück zusammenstellen. Diese Anderen bist du, und du hast Scamorza, Tete de Moine, gefüllte Champignons, Trüffelkäse aus der Champagne im Angebot, und dazu frisches Brot, das du besorgt hast, als sie noch vor sich hindöste und was von binmüdelassmichnochschlafn brabbelte. Du bringst es ihr ans Bett, spiesst die Champignons mit der Vorlegegabel auf und schiebst sie ihr behutsam, einen nach dem anderen, zwischen die Lippen, dort, wo ihre zartrosa Zunge sie zerdrückt.
Eh, sagt sie misstrauisch, als der Trüffelkäse an der Reihe ist, was sind denn das für schwarze Krümel da im Käse. Tote Fliegen? Du sagst, es hat schon seine Richtigkeit, sie soll einfach mal probieren, und sie findet diese Geschmacksnote ein wenig komisch, aber gut, was dir zur Erkenntnis verhilft, dass auch Elitessen nicht zwingend über einen elitären Geschmack verfügen. Dann prustet sie los und findet all das total komisch, in einem Bett unter Stuck gestopft zu werden, meterweise antiquarische Bücher neben sich, und dann noch dieser obszöne Vorhang, sie kommt sich vor wie in einem 60er-Jahre-Film über das Leben am Hofe von Ludwig dem na den den sie damals geköpft haben, den wie hiess der nochmal?
Der XVI, Louis Seize, sagst du, und gibst ihr recht, denn zufällig hat sie tatsächlich den Stoff des Vorhangs richtig eingeordnet, den man vor dem Bett fallen lassen könnte, um ein Maximum an Intimität zu schaffen. Für genau diese Momente, für dieses Frühstück danach hast du den Soff besorgt und nähen lassen, und bist damals keine Kompromisse eingegangen. Trüffel verlangt nach feinem Porzellan, Frauen nach edlen Stoffen, um darunter das Lied ihrer Schönheit zu singen. Dafür gibt es viele Möglichkeiten, diesen Stoff zu kaufen, aber wenn schon der Einkauf orgiastisch sein soll, im Stile der Zeit, dann gibt es nur eine Adresse: Bonacker in der Reichenbachstrasse in München.
Denn dort werden die Stoffe in der Atmosphäre präsentiert, für die sie gemacht sind, und die sie später schaffen werden. Die roten Wände, die üppigen Kronleuchter und die verschnörkelten Möbel stellen gewissermassen den natürlichen Lebensraum der Stoffe dar, die man hier aus den besten Manufakturen Europas erwerben kann. Der Laden ist für sich genommen schon ein sinnlicher Genuss, man hat ständig das Gefühl, die weibliche Begleiterin in eine Ecke zerren zu müssen, um den Idealen der Zeit zu entsprechen, der hier immer noch in Seide, Kattun, Brokat und Samt gehuldigt wird.
Freilich gibt es nicht alles. Schlichte Bezugsstoffe der 20. Jahrhunderts wird man hier vergeblich suchen. Sobald etwas aber bunt, gestreift, verschlungen, arabesk oder a la chinoise sein soll, wenn man Schäferspielchen sucht oder Geigenmotive, ob es nun schwere, dunkelrot-barocke Granatäpfelmotive sein sollen, oder das zarte, dezente Gelb des Biedermeier, was immer man aus vergangenen Epochen des Prunks und des Luxus braucht, wird man hier bei Bonacker finden. Das Personal versteht sein Handwerk, hilft bei Farben und Material, erklärt die Vorzüge und Besonderheiten kompetent. Wer Fades, Zurückhaltendes, Monochromes oder Sparsames will, ist hier falsch, kann sich aber vom Gegenteil überzeugen lassen. Der Service ist ein wenig, wie es vielleicht in der Zeit gewesen sein muss, als Watteaus gepuderte Luxusgeschöpfe auf die Schokolade warteten, einer Zeit also, die amoralisch, dekadent und gleichzeitig feinsinnig war, so dass die Vorliebe der Protagonisten für diesen Luxus ebenso verstehen kann wie das Abschlagen ihrer Köpfe, und man sollte vielleicht als Busse, wenn man sich denn die Vorhänge aus rotem Kattun nähen lässt, darunter den nacken Frauen aus Voltaires philosophischem Wörterbuch vorlesen, wenn die beim Frühstück so süsslich-verdorben dreinschauen.
Oder - vielleicht doch Hic&Hec von Mirabeau. Auch das ist Aufklärung.
-------------------
Bonacker
Reichenbachstrasse 17
80469 München
am 11. Februar, 19:59 kommentierte leavesleft:
In welch bizarren Zeiten wurden denn weibliche Begleiterinnen ständig in Ecken gezerrt, bittschön?