Lass uns Freunde bleiben

Es ist Oktober in Berlin, vom Himmel fallen kalte Tropfen und in den Hinterhofwohnungen von Mitte unternehmen Zweitemestlerinnen den ersten, tapsigen Selbstmordversuch. Du triffst dich mit alten Freunden, ihr habt ein gutes Thema und viele gute, alte Geschichten, und keiner von euch hat Lust auf irgendwas Szeniges oder gewollt Kultiges. Deshalb schlägst du ihnen das Lasst uns Freunde bleiben vor, das zwar in direkter Nähe zur Kastanienallee liegt, aber von deren berufsjugendlichen Welt Lichtjahre entfernt ist.

Du kommst etwas zu früh, gehst durch den Raum mit der Theke hoch ins zweite Zimmer, und nimmst einen richtigen Tisch. Es gibt zwar auch Sessel mit Couchtischen, aber heute steht eine Verschwörungen auf der Tagesordnung, du willst Köpfe zusammenstecken und Pläne schmieden. Das Ambiente mit einer unverputzten Wand und den gelblichen Farben passt zu den Plänen. Es ist nicht viel los, manche Leute lesen Zeitungen oder reden leise über die Krise in ihrem Leben. Du gehst an die Bar, und bist von den Preisen doch etwas überrascht, die heisse Zitrone kostet 1,30 Euro, mit Zucker oder Honig, und es ist wirklich Zitrone und nicht Zitronensaftkonzentrat. In einer kleinen Vitrine steht ungeschickt geformter, aber wie bei Muttern schmeckender Kuchen, die Baguettes sind bodenständig wie ein Pausenbrot. Es ist zwar Selbstbedienung angesagt, aber das dünne Mächen meint, dass sie dir alles an den Tisch bringt.



Während deine Freunde anrufen und sagen, dass sie etwas zu spät kommen, schaust du in die Gesichter der Anwesenden. Sie sehen alle nicht so aus, als ob es ihnen zu gut gehen würde, aber hier haben sie einen Moment der Ruhe in ihrem Daseinskampf, manchmal bekommen Lippen wieder Farbe, da hinten lacht jemand, und das Mädchen am Nachbartisch beginnt nach einer halben Stunde, doch erkennbar mit ihrem Gegenüber zu flirten; sie beugt sich über den Tisch, lässt Haarstähnen nach vorne fallen, und streicht sich über die Lippen. Vielleicht wird ihr Leben in diesem Augenblick wieder schön.

Unten, an der Bar, legt eine Frau ihre Zeitung beiseite, geht an die Theke, und kauft sich eine Zigarette, die für 20 Cent das Stück in einem Glas stehen. Es ist gut so, weil sich manche vielleicht kein Essen mehr leisten könnten, wenn sie sich eine Schachtel kaufen würden, und sie würden es wahrscheinlich tun, denn die Sucht ist in unserer Welt des Überflusses ein stärkerer Trieb als der Hunger; vielleicht ist das der entscheidende Unterschied unserer postkapitalistischen Epoche zu allen vorhergehenden Zeiten, ganz gleich, was die Junge Welt sagen mag, die hier ebenfalls ausliegt. Es ist gut, weil man sich so Schritt für Schritt vielleicht auch das Rauchen abgewöhnen kann, was ja auch kein schlechter Anfang für den Weg aus der Krise wäre.



Drüben, in der Kastanienallee, werden neue Trends ohne Markt für die Hauptstadt erfunden, in der Zionskirche wärmen sich die Stadtstreicher auf, und die Strasse runter, nur einen Block entfernt, glauben Florian Illies und die Macher von Monopol an ihre Zielgruppe, bis sie dann, spät am Abend, mit einem leicht desillusionierten Blick an den grossen Fenstern des Lass uns Freunde bleiben vorbeitrotten. Nein, schön ist das Leben in der Stadt eigentlich nicht, aber hier, in diesem Laden kann sich das ändern, und dann kommen deine Freunde, ihr habt einen tollen Abend. Als du gehst, gibst du ein Münchner Trinkgeld, denn du willst auch deine eigenen Alpträume loswerden, den Gedanken an das Lohnniveau in dieser Stadt und den Kampf ums Dasein, den sie hier führen müssen.

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Chorinerstr. 12 (Ecke Zionskirchstr.)
10119 Berlin

Täglich ab 08:00 Uhr - Spät Abends
Samstags ab 12:00 Uhr, open end

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don alphonso, Donnerstag, 21. Oktober 2004, 15:30
Ihr kommentar    


am 2004-10-21 15:52  kommentierte dipl.ix

als ich das letzte mal dort war dachte ich: „oh wie nett, kostenlose zigaretten.“ — das schild zeigte zur theke und war somit unsichtbar.

die jungs die das ding betreiben hatten früher einen club der „ruf mich nie wieder an“ hiess.

wlan-internet vom nachbarn gibts dort angeblich auch.
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Da war allerdings keiner mit Notebook. Vor etwa zwei jahren musste ich mal für einen Filmbeitrag über Wardriving mit dem Notebook in ein Cafe - seitdem habe ich das nicht mehr probiert, irgendwie fühlte ich mich sehr seltsam.
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am 2004-10-21 15:55  kommentierte pit schnass

Und wenn Sie doch aus einem Alptraum aufschrecken sollten, können Sie ja einen kurzen Blick auf Ihre Silbertellerchen-Sammlung werfen und wieder beruhigt einschlafen.
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Die Andersartigkeit anderer Menschen muss sehr weh tun, ich weiss.
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Aber ein dickes Trinkgeld kann den Schmerz ja lindern.
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Ganz im Gegensatz zur Unfähigkeit, Aussagen zu begreifen, Sie Armer. Aber das gehört hier nicht her, Herr Praschl hat IMHO Recht, wenn er hier nur den Nutzwert will. Sie dürfen gern auf meinem Blog, siehe den untigen Link antworten.
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am 2004-10-22 15:59  kommentierte schmerles

Danke für den flashback!

wie bei Muttern hat mir in der 4. unser Lehrer Treiber im Aufsatz mit Schlangenlinie unterstrichen. Wir sind hier nicht in Hamburg oder Bremen, hatte er dazu gemeint.
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Herr Schmerles

ich hätte gern noch eine Antwort auf meine süddeutsche Frage!
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was hat muddi

mit bremen zu tun?
bei ihrn nazilehrer da muss man bestimmt auch guck schreiben, statt wie normale menschen kuck.
"futter'n wie bei mutter'n"
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wir sind hier nicht inner ostzone...
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am 2004-11-09 15:57  kommentierte modeste

Ja, würde mein Religionslehrer sagen, so hat doch jeder von uns seine ganz eigene Welt im Kopf.

Nein, unter ernsthaften Leuten, ich mag Ihren Artikel. Ein Ort der Ruhe ist der Laden auch für mich, im "Lass uns Freunde bleiben" habe ich schon Texte rundgebogen, die daheim oder im Büro vor lauter Problemen schon fast durch den Boden gebrochen sind. Was Sie gesehen haben, habe ich noch nie gesehen, verschanzt hinter meinem Notebook.

Empfehlenswert auch das Frühstück.
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